Das instrumentarium

 
 
Es gibt ca. 200 Originalinstrumente aus der Zeit von 1500 bis 1650, die glücklicherweise nicht zerstört wurden. Diese Zeit, die wir heute ohne zu übertreiben das „Goldene Zeitalter“ der Blockflöte bezeichnen können, war die einzige Epoche in der Geschichte, in der die Blockflöte als ernstzunehmendes Musikinstrument angesehen und in Familien zusammengefasst im Consort gespielt wurden, vor allem um Vokalmusik aufzuführen. Heinrich VIII. (1481-1547) war anscheinend so begeistert von diesem Instrument, dass er veranlasste, Mitglieder der berühmten Bassano-Familie zu überzeugen, Venedig zu verlassen, und nach England zu übersiedeln, um an seinem Hof zu spielen und Instrumente zu fertigen. Eine Bestandsliste von Heinrichs Sammlung, die nach seinem Tod im Jahr 1547 erstellt wurde, verweist auf 76 Blockflöten gemeinsam mit vielen anderen Instrumenten. Ein anderes Beispiel dafür, wie populär dieses Instrument war, gibt uns ein Inventar der Stadtmusiker Antwerpens aus dem Jahr 1531, in der nicht weniger als 28 Blockflöten aufgelistet sind.

Beinahe ein Fünftel dieser Originalinstrumente befinden sich heute im Kunsthistorischen Museum in Wien, stammen aber ursprünglich aus der d´Este-Sammlung in der Region Padua. Im Frühling 2000 begann der Blockflötenbauer Adrian Brown mit einer genauen Untersuchung dieser Instrumente, die schließlich zu einem neuen Museumskatalog aller 43 Instrumente der Sammlung führte. Dieses Projekt gab ihm die Freiheit, minutiös alle Details der Instrumente zu studieren, und hatte in der Folge einen enormen Einfluss auf seine Arbeit.

Er schreibt: „Als ein Bauer historischer Instrumente finde ich es wichtig, mit den neuesten musikwissenschaftlichen und organologischen Forschungen möglichst nahe in Verbindung zu bleiben. Durch meine Arbeit in Wien bzw. durch die möglichst authentische Rekonstruktion konnte ich letztendlich verstehen, warum die Instrumente derart gebaut wurden, welche Kompromisse die Bauer dabei eingegangen sind und welche Entscheidungen sie beim Entwurf ihrer Instrumente zu treffen hatten. Ich bemerkte auch, dass alle Blockflöten aus dieser Zeit im Abstand einer Quint gebaut wurden, eine Tatsache, die sowohl an den Originaletuis beobachtet werden kann, aber auch in anderen Museen auffiel. Auch die Traktate zeigen dies sehr deutlich, dennoch ließen Blockflötenbauer diese Tatsache bis vor ca. 10 Jahren vollkommen außer Acht. Dies mag eine kleine Fußnote in der Musikgeschichte sein, ist aber von großer Bedeutung für das Instrument. Blockflöten, die in Quinten gestimmt sind, klingen vollkommen anders, wenn sie im Consort gespielt werden. Dies hat immense Auswirkungen darauf, wie wir die Instrumente verwenden und unsere Ideen von Aufführungspraxis umsetzen.“

Die Blockflöten, die das Ensemble Mezzaluna verwendet, können pinzipiell in zwei Sets eingeteilt werden. Das erste besteht aus Kopien von anonymen Instrumenten mit dem Kennzeichen der Bauer HIER.S oder HIE S. Diese stammen möglicherweise aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhundert, entweder aus Venedig oder Deutschland. Sie sind aufsteigend im Intervall einer Quint gestimmt, angefangen vom Großen F bis zum eingestrichenen a. Das zweite Set besteht aus Blockflöten mit dem Zeichen !!, ziemlich sicher das der Bassano-Familie aus London und Venedig. Diese späteren Instrumente wurden wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gebaut und sind in einer Reihe von fünf Quinten gestimmt, vom kleinen f bis zum zweigestrichenen d. Das tiefste dieser Instrumente besitzt eine Erweiterung um zwei Töne, mit deren Hilfe man sogar das kleine d erreichen kann.